Space Invaders 2008 interactive

 

 

 

ZKM / Ausgewählte Werke / Text 

Space Invaders, 2006
Installation
ZKM_Foyer

Höhe variabel, im ZKM: 11 x 14 Meter
Drahtseil, Alurohr, Elektrokabel, Leuchtkörper
Courtesy Kehres, Hungerer

Mit Space Invaders lassen uns Rainer Kehres und Sebastian Hungerer vor einen überdimensionalen "Vorhang" aus Dutzenden von Lampen treten, insgesamt 176 Stück, die als Gesamtes eine überwältigende Lichtinstallation von 11 Metern Höhe und 14 Metern Breite ergeben. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass im Foyer des ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe eine künstlerische Arbeit installiert wurde. Aber es ist das erste Mal, dass fast ausnahmslos jeder Besucher beim Betreten der Eingangshalle stehen bleibt und: staunt. Gleichermaßen beeindruckend sind die Dimensionen, die Space Invaders ausfüllt, als auch die Vielfalt der Leuchten, von der jede einzelne mindestens eine Besonderheit aufweist.

Streng geometrisch haben Kehres und Hungerer die 176 Leuchtobjekte mittels einer eigens für diesen Zweck konzipierten, filigran wirkenden Metall-Konstruktion angeordnet. In immer demselben Abstand wurden jeweils 16 Lampen in der Breite und elf in der Höhe angebracht, aber nicht nur "aufgehängt": Hier hat jede einzelne Lampe ihren sicheren Platz gefunden, der ihr entsprechend ihrem Material, ihrer Form oder Leuchtkraft zugewiesen wurde. Der Eindruck einer akribisch durchdachten Komposition täuscht jedoch - Kehres und Hungerer haben sich voll und ganz auf die Dynamik während des eigentlichen Prozess des Hängens verlassen.

Vertreten ist nahezu jede Dekade der vergangenen Jahrzehnte, angefangen bei den 20er Jahren, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf den 50er bis 70er Jahren liegt. Der Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben, vielmehr der Anspruch auf Vielfalt. Entsprechend kurios, witzig, originell oder durchdacht ist jedes einzelne Leuchtobjekt – oder einfach nur wunderschön. Das Spektrum reicht von einem DDR-Relikt über eine kostspielige Verner-Panton-Lampe bis hin zu einer Castiglioni-Leuchte aus den 1950er Jahren. Eine ganz besondere Freude bereitet die Feststellung, mit welcher Unbekümmertheit das Design-Objekt mit der Ikea-Ikone korrespondiert, mit welcher Mühelosigkeit sich die Leuchtskulptur dem Alltagsgegenstand gegenüberstellt.

Die Architektur des ZKM erlaubt mehrere Sichtachsen auf die Installation. Nimmt der Besucher die Treppe zum Balkon vor dem Medienmuseum, gewährt einem dieser aus gebührendem Abstand die ungehinderte Sicht auf die Frontale. Dies ist die einzige Perspektive, aus der der Besucher mit den Space Invaders vermeintlich auf Augenhöhe ist und die ihm erlaubt, die Arbeit in ihrer vollen Größe aufzunehmen.
Ein zweiter Weg führt den Besucher zur Brücke in der ersten Etage, die den Platz vor dem ZKM_Kubus und die Rückseite der Mediathek verbindet. Hier befindet er sich nur wenige Meter von der Installation entfernt, was dazu einlädt, an Space Invaders entlang zu schreiten und einzelne Leuchten - zum Greifen nahe - näher zu inspizieren. Die meisten Besucher wählen jedoch den Standort im Foyer, wo Space Invaders nur wenige Meter über dem Fußboden schwebt. Automatisch in die Froschperspektive versetzt, setzen sich viele Besucher fast direkt unter den Lampenvorhang, manche bleiben in geringem, die meisten mit großem Abstand vor der Arbeit stehen, nicht selten lässt sich jemand auf dem Boden nieder, um die Lichtinstallation liegend betrachten zu können. Die Gefühlsregungen, die dabei von den Schauenden abgelesen werden können, erinnern beinahe an Szenerien in der Tate Modern, als Olafur Eliasson mit seinem Weather Project zu Gast war, jene an eine Sonne erinnernde, künstlich beleuchtete Lichtscheibe riesigen Formats. Sicherlich sind allein die Koordinaten sowohl der Turbinenhalle als auch Eliassons Arbeit von weitaus gigantischerem Ausmaß. Die Reaktionen der Besucher sind jedoch nahezu identisch: Unvermitteltes Stehenbleiben, Überraschung, Lächeln, Faszination, Staunen, verharren wollen.

Space Invaders wurde im Kontext der Ausstellung »Lichtkunst aus Kunstlicht« installiert, eine der beliebtesten und meist besuchten Sonderausstellungen des ZKM seit dessen Eröffnung. Die Besucher waren begeistert von den Möglichkeiten in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem elektrischen Licht, die trotz ihrer Vielfalt den Mythos des Rätselhaften eher untermalt, denn aufgelöst haben.
Ähnlich wie Olafur Eliasson machen sich Kehres und Hungerer für ihre Arbeit neben dem Element Raum eben diese Faszination Licht zu nutze, welches in seiner Wirkungskraft ungebrochen ist und den Betrachter stets mit der unspezifischen Bestätigung darüber zurücklässt, zu wissen, was das Licht ist: ein Phänomen.

Der Titel Space Invaders, der ursprünglich nur in Anlehnung zum grafischen Erscheinungsbild des gleichnamigen Computerspiel-Urgesteins als vorläufiger Arbeitsbegriff im Entstehungsprozess aufgetaucht war, wurde dann beibehalten, im Sinne seiner wörtlichen Übersetzung und der eindringlichen Raumwirkung von Licht. Auch belegt er die persönliche Vorliebe von Kehres und Hungerer für futuristische und ufoartig wirkende Lampenformen. Besucher, denen sich dieser Zusammenhang nicht sofort erschließt, sind nicht selten für einen Moment irritiert. Sie gehen noch einmal ein paar Schritte zurück, um das Kompositum aus Leuchtobjekten aus einigem Abstand zu betrachten. Oder nehmen diesmal den Weg über die Brücke oder auf den Museumsbalkon - und tatsächlich, die Installation nimmt die gesamte Breite des Lichthofs 7 des ZKM ein, den unzähligen Leuchtkörpern haftet zweifellos etwas Außerirdisches an, wie sie scheinbar stehend über dem Boden schweben, streng angeordnet und dabei verführerisch funkelnd. Jedenfalls ist es ein tröstlicher Gedanke, dass jene Wesen, deren Existenz wir nur phantasieren können, im Falle einer 'Invasion' ausnahmslos freundlicher und friedlicher Gesinnung sind.
 

Heike Borowski

 

 

 

 

 

 

 

 

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Fotografie: Christian Ernst

S P A C E   I N V A D E R S

2006     Lichtinstallation 14 m x 11 m

Rainer Kehres & Sebastian Hungerer


Das Private wird veröffentlicht: Die SPACE INVADERS von Sebastian Hungerer und Rainer Kehres im Foyer des ZKM übertrafen von Anfang an sämtliche Erwartungen. 176 Leuchten tauchen als eine Art Lampenvorhang (14m x 11m) das Umfeld in eine zwielichtige, auf alle Fälle nostalgische Atmosphäre. Wohn- und Schlafzimmerlampen, die einmal der Inszenierung von Intimität und Vertrautheit dienten, irritieren die gewohnten Vorstellungen von Öffentlichkeit.
Im undefinierbaren Zwischenraum von Kunst und Design aktiviert dieser "Stimmungs-Macher" die Besucher zum Staunen, Erinnern, Wehmütigwerden und Miteinanderreden. Dem Titel Space Invaders entspricht die Wirkung: Das Vorleuchten in ein futuristisches Jenseits, die Invasion in fremde Gefilde "verzaubert". Denn wie sonst lässt sich erklären, daß die Menschen unwillkürlich vor dieser Arbeit stehenbleiben und sich verhalten, als stünden sie vor einem Regenbogen? Als wäre es überhaupt kein Problem, das längst vergessene Theater zwischen Kaminfeuer und Sternenhimmel wieder aufzuführen?

Immerhin liegt dieses Theater quer zu gegenwärtig weitverbreiteten Weltanschauungen. Glück, so wird gedacht, hängt vom Fortschritt ab. Davon, ob es gelingt, das Natürliche, Endliche, Sterbliche usw. abzukoppeln. Wie beim Einschalten des Lichts. Demgegenüber offenbart das langsame Erlöschen des Kerzenlichts seine Vergänglichkeit. Während Glühbirnen, Halogen und Krypton als Ausdruck des Ewigen erscheinen. Ein "Schein", der das Denken der abendländischen Aufklärung zum Ausdruck bringt: die Aufklärung, die Erleuchtung, das göttliche Licht der Vernunft als Erlösung der Menschheit von ihrem Übel, der offensichtlichen Endlichkeit des menschlichen Lebens. "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Brüder zum Lichte empor! Hell aus dem dunklen Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor".

Am Grad der Helligkeit misst man den Wohlstand. Ihn zeigen Satellitenbilder als riesigen, gelblichen Fleck aus einander kreuzenden Lichterketten, "den man nicht nur in Europa findet, sondern auch in Nordamerika, von Baltimore bis Montreal, und entlang der Kette der fünf Drachen Asiens, die von hoch oben erkennbar sind, und deren elektrische Beleuchtung die Dunkelheit an die Ränder der westlichen Welt drängt" (Michel Serres, Die Legende der Engel, S.62).
In dieser gigantischen Lichterstadt geht das technologisch rhythmisierte Leben der Menschen einher mit einer fortschreitenden Ablösung von den naturgegebenen Zeitordnungen. Mehr oder weniger betroffen von dieser Entwicklung sind wir alle. Stichworte: Störung der biologischen Rhythmen, Jet-Lag, sprunghafter Wechsel von Jahreszeiten und Zeitzonen, Nachtarbeit, Aufputsch- und Schlafmittel, Dunkelheitsdefizite bzw. Mangel an Melatoninproduktion (Melatonin steuert die "innere Uhr" und wird nachts gebildet).

Was diese Entwicklung allerdings auch produziert, ist ein antiquiertes Bedürfnis nach Abgrenzung: "Weil der größte Teil der Mitwelt für den Organismus ... Gift ist ..., richtet sich dieser in einer Zone strikt ausgewählter Dinge und Signale ein" (Peter Sloterdijk, Sphären III, S.195). Die Menschen brauchen nach wie vor ein Immunsystem. Und deshalb wird die Privatwohnung mehr und mehr zu einer Therapiestation. In ihr richtet man sich diesem Bedürfnis entsprechend ein. Stellt aus Gründen der Immunität Stimmung und Atmosphäre, Ambiente und Mikromilieu her. Natürlich: Für die "Einrichtung eines geglückten Bei-Sich-Seins" (Sloterdijk, a.a.O., S.534) spielen Licht, Lampen, Leuchten usw. eine ganz wesentliche Rolle. Indem sie Räume in ein gedämpftes Licht tauchen, sorgen sie für Wohlbefinden, beeinflussen die Regeneration, wirken als Präventivmaßnahme in einer überbelichteten Welt.
Natürlich ist diese Lichtbremsung ebenso anachronistisch wie widersprüchlich. Was künstlich hergestellt wird, ist der Zustand der Dämmerung. Wie in einer Bar oder in einer gotischen Kathedrale,
in der das helle Tageslicht nur gefiltert passieren darf, soll in der Sphäre der Privatheit der Zustand der Ruhe, der Einkehr, des Feier-Abends, aber auch das Abenteuerliche und Geheimnisvolle erfahrbar sein. Man schafft sich eine Höhle. Die Beleuchtung soll in die Zeit der "blauen Stunde" versetzen. Natürlich geht das nicht mit Baulampen, Neonröhren oder nackten Glühbirnen.

Von diesem Gesichtspunkt aus versteht man, warum fast alle Besucher im Foyer des ZKM unwillkürlich vor den SPACE INVADERS stehenbleiben, mit dem Finger zeigend sich an vergangene Tage (und Nächte) des Eingehülltseins und des Mysteriums erinnern: Sie entdecken, um die Sprachlosigkeit zu überwinden, "Highlights". Wie etwa eine Lampe aus dem "Palast der Republik" der ehemaligen DDR, oder eine Verner-Panton-Lampe, oder eine Castiglioni-Leuchte aus den 50er-Jahren, oder den Charme einer nach Bastelanleitung selbstgefertigten Papierlampe, oder einen ufoesken Lampensputnik, oder skulpturale Objektkunst im Stil von Courrèges (Metallplättchen!) und Paco Rabbane ...

Sie staunen währendessen über die Emotionen, die diese Lichtinstallation bei ihnen auslöst. Und über das Phänomen, wie leicht und einfach es ist, das Alltägliche, die Welt der instrumentellen Zwecke, zu transzendieren. Mit einer Zeitkapsel in einen Raum, in dem das Nahe fern wird und das Ferne nah, einzudringen.

Dr. Franz Littmann

Kunstmesse art Karlsruhe 2008

 

Mit freundlicher Unterstützung des ZKM Karlsruhe


CONTACT:  
Rainer Kehres    Luisenstr. 14    76137 Karlsruhe   Telefon: 0049-(0)721-378628   mail: info@commonlights.com
Sebastian Hungerer    Nokkstr. 17    76137 Karlsruhe    Telefon: 0049-(0)177-3012007  mail: info@commonlights.com

 

Programmierung  SPACE INVADERS  interactive    Friedemann.Wolpert

 


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Liebe Clara, wir gratulieren zum 1.Preis des Malwettbewerbes 2007 der Stadtwerke Karlsruhe.! Bildergalerie.

Liebe Jury, Sie haben einen guten Geschmack.